Wenn Becken und Schultern sich verbinden

Wenn Becken und Schultern sich verbinden
 
Von Anke Recktenwald, Lehrerin der Tellington TTouch Methode, Feldenkrais Pädagogin, Centered und Connected Riding Instructorin
Laufen und Reiten sind sehr ähnliche Bewegungsabläufe, spiegeln wir doch als Reiter die Laufbewegung des Pferdes. Und so kann man auch das Joggen gut als Übungsmittel fürs Reiten verwenden.
Wenn ich zum Beispiel bergab laufe, fällt es mir sehr leicht in Galopp zu wechseln und schon kann ich gut beobachten, welche Hand ich gewählt habe. Und stelle fest, es ist meist die Gleiche. Neugierig probiere ich aus, auf der anderen Hand anzugaloppieren und forsche, was der Unterschied ist. Wo bin ich unbequemer, oder was ist weniger leicht.
Je deutlicher ich einen Unterschied spüre, desto weniger wundere ich mich, dass auch das Pferd mit mir bevorzugt auf einer Hand galoppiert und auf der anderen nicht. Ich erinnere mich an die Centered Riding Übung, Arm hoch und es verbessert sich. Natürlich probiere ich beide Seiten aus, Veränderungsmöglichkeiten sind immer interessant, auch da wo es schon gut ist.
Ich spüre, dass mein Hüftgelenk sich nicht so leicht beugt auf der einen Seite, oder dass mein Brustkorb sich nicht so gern dahin dreht. Was hat mein Brustkorb mit Galopp zu tun?
Ich laufe weiter, im Trab jetzt und bin neugierig geworden. Ich beginne um Bäume Slalom zu laufen, Volten anzulegen und beobachte wieder, ob es eine Einseitigkeit gibt, in den Hüftgelenken und im Brustkorb. Und wieder erkenne ich das gleiche Thema wie beim Angaloppieren. Und auch beim Geradeauslaufen merke ich nun, dass mein Becken sich lieber nach links dreht, als nach rechts, und so der linke Fuß auf weiter nach vorne geht, als der rechte. „Mhh, ich habe Taktfehler.“
Wie schön wäre es jetzt jemand zu haben, der Beinkreise mit mir macht, oder ein paar Zick Zack am Rücken oder Rippen lösen, aber ich bin gerade alleine, also ab nach Hause und auf die Feldenkraismatte zum weiter forschen.
Zuerst spüre ich auf dem Rücken liegend meine Auflagefläche, was liegt rechts anders auf als links. Schon in den Fersen ist ein Unterschied spürbar, oder in dem Gefühl für die Länge meiner Beine, und ich merke, dass eine Beckenseite anders aufliegt als die andere, ebenso die Schulterblätter. Ich scanne meinen Körper, stelle mir vor, ich hinterlasse einen Abdruck auf dem Boden und merke mir wie der aussehen würde.
Ich beginne folgende Lektion:
Das Becken rollt ein klein wenig nach rechts und zurück zur Mitte und dann etwas nach links und zurück zur Mitte. Wie rollt es? Welche Seite ist leichter?
Beginne mit dem was leicht ist. Als Beispiel nehme ich jetzt die linke Seite. Dahin rollt mein Becken gerade lieber. Dann schlage ich mein linkes Bein über das rechte, und stelle den rechten Fuß bequem. Nun lasse ich meine Beine so gekreuzt nach links sinken und bringe sie wieder zurück. Ich lasse sie nur soweit sinken, dass es mich nicht viel Aufwand kostet sie zurück zu bringen, so dass ich ganz ohne Anstrengung beobachten kann, was sich mit dreht. Ich spüre wie mein Becken seinen Druckpunkt verändert und folge mit meiner Aufmerksamkeit der Kettenreaktion durch den Körper. Wenn das Becken rollt, was folgt ihm als nächstes. Und wie weit hinauf in den Brustkorb kann ich dieser Bewegungskette folgen. An einem Punkt des Sinkens spüre ich einen leichten Zug an der rechten Schulter. Der ideale Zeitpunkt zurück zu kehren, denn die Schulter soll liegen bleiben.
Ich wiederhole die Bewegung oft, lasse meine Auf- merksamkeit immer zu anderen Punkten wandern: Atme ich noch frei und ungestört? Wie verändert sich die Form meiner Rippen bei der Bewegung. Beginne ich das Sinkenlassen mit dem Ein- oder Ausatmen und was macht es einfacher? Welche Bewegung geschieht in der Innenseite meines Schulterblattes, wenn ich der Schulter nicht erlaube sich zu heben. Wohin möchte sich mein Kopf bewegen. Viele Fragen. Es braucht Zeit sie zu beantworten, also bewege ich mich so langsam wie möglich und höre genau zu was mein Körper mir erzählt. Je weniger ich mich anstrenge umso mehr und umso feiner kann ich wahr nehmen. Genau wie bei den Bewegungen der Tellington Arbeit am Pferd. Auch an einem anderen Körper spüre ich feiner und präziser, wenn ich es langsam und leicht tue.
Genug konzentriert, Beine lang, Arme lang, Pause.
Ups, ich liege anders. Der Kontakt zum Boden fühlt sich anders an als zuvor. Echt schräg. Was hat sich verändert. Warum ist es anders? Manches liegt mehr auf, also haben sich wohl Spannungen, die meinen Körper eben noch vom Boden weg gehalten haben, gelöst und lassen ihn nun ausruhen. Schön!
Die andere Seite will das auch. Ok. Machen wir das Experiment auch da. Und schon in der 1. Bewegung erkenne ich, dass ich hier so einiges anders tue. Ich forsche nach, lasse mir Zeit. Unterschiede zu fühlen ist so interessant. Es hilft beim Entdecken der verschiedenen Möglichkeiten. Und es verändert sich währenddessen.
Dann wieder eine Pause, Lernen findet in den Pausen statt, also lasse ich mein Gehirn lernen, während ich ausruhe
Warum hilft mein Arm nach oben der Bewegung? Probieren wir doch mit den Armen mal das Gleiche.
Hände zur Decke, Arme lang, Hände wie zum Klatschen aneinander gelegt. So bilde ich ein Dreieck mit meinen langen Armen und dem Schultergürtel, bzw. eine gedachte Linie zwischen den beiden Schultergelenken. Nun versuche ich dieses Dreieck zu einer Seite zu bewegen, ohne seine Form zu verändern. Damit das möglich ist, muss eine Schulter den Boden verlassen. Nun neigen sich die Arme und der Schultergürtel rollt, ebenso wie es vorhin noch beim Becken war. Was folgt jetzt dem Dreieck. Wo bewege ich mich, und was mag mein Kopf tun? Uiuiui immer wieder will der Arm sich beugen zu dessen Seite ich gerade rolle, ja leichter wär das um die Arme zur Seite zu bringen, aber der Rücken würde nicht so angesprochen, und ich will ja fühlen was mein Brustkorb tut, oder mein restlicher Körper.
Nach ein paar Forschungen zu dieser Seite ruhe ich mich erst mal wieder aus. Und wieder vergleiche ich meine jetzige Auflage mit der vorherigen. Neue Veränderungen. Was alles möglich ist, wenn man mit kleinen, leichten Bewegungen spielt.
Ok, jetzt die andere Seite, wie geht das hier? Nach einer Weile wird die Bewegung größer, wie von selbst und ich merke, dass es irgendwann sogar an meinem Becken ein Echo der Bewegung gibt. Die Verbindung von Schulter zu Becken ist über diese Drehung gut zu finden.
Ich beginne zu spielen mit dieser Verbindung. Schlage mein linkes Bein wieder über das rechte, stelle mein Arm- dreieick her und nun lasse ich die Beine wieder nach links sinken und das Armdreieick auch.
Was passiert jetzt in der Verbindung der beiden großen, starken Bereiche. Was tut mein Rücken, wie bewegen sich meine Rippen. Wohin will mein Kopf rollen?
Hab ich das herausgefunden, ändere ich das Spiel. Die Beine sinken weiter nach links, aber der Kopf rollt entgegengesetzt. Was ändert sich jetzt in den Bezugspunkten von eben?
Wenn ich die Beine zur anderen Seite sinken lassen will, schlage ich auch das rechte Bein über. Das schützt den unteren Rücken.
Am Ende liege ich wieder länger auf dem Rücken, schaue mit den Abdruck meines Körpers am Boden noch mal genau an, in allen Punkten. Wo spüre ich noch den gleichen Druck, wo liege ich weicher, voller oder leichter auf. Wie ist das Verhältnis der rechten Seite zur linken.
Nachdem ich meine neue Körperkarte kenne, rolle ich über eine Seite zum Sitzen und zum Stehen. Im Stehen spüre ich erst nach, was sich hier neu anfühlt, ungewohnt oder auch wiedergefunden. Wie bequem stehe ich? Langsam drehe ich mich um, schau mal nach rechts, was hinter mir ist, mal nach links. Ist es ähnlicher geworden sich nach rechts und links zu drehen. Ich geh ein bisschen herum, spüre wie ich mich bewege, gehe ein paar kleine Kreise nach rechts, ein paar kleine Kreise nach links. Wie fühlt sich das jetzt an. Im Gehen sind feinere Unterschiede zu spüren als im Laufen, ich habe mehr Zeit. Dann stelle ich mir vor anzugaloppieren, einmal Rechtsgalopp, einmal Linksgalopp. Wie viel Leichtigkeit habe ich nun? Ist die Bewegung klarer geworden? Vielleicht sogar auf der Seite die sich beim Laufen noch besser anfühlte?
Ich lasse mir Zeit zu spüren, auch auf dem Weg zum Stall, denn nun will ich auch auf dem Pferd spüren, wie sich meine neuentdeckten Möglichkeiten aufs Reiten auswirken. Und bei der Volte im Galopp kann ich dann bald heraus- finden ob ich die Leichtigkeit und gute Qualität auf beiden Händen gefunden habe.
mehr dazu: anke-recktenwald.de
und “Besser reiten mit Feldenkrais” Kosmos Verlag