Lernen findet in der Pause statt

Lernen findet in der Pause statt
von Anke Recktenwald, ein Artikel aus dem Tellington Newsletter
Früher, als die Pferde noch in Boxen oder gar Ständern standen, war es unverantwortlich, sie einen Tag lang nicht zu bewegen. Doch in einer Herde, mit der Möglichkeit zu laufen, sind sie glücklich und brauchen uns nicht unbedingt. Wir bringen Abwechslung in den Alltag, das ist schön, und sie lieben es, mit uns zusammen zu sein. Doch ein Besitzer unter Druck, der die Arbeit mit dem Pferd noch in den Tag quetscht, ist kein sehr angenehmer Freizeitpartner. Pferde können gut mit freien Tagen umgehen, ebenso wie wir.
Auch ihr körperliches Training muss nicht täglich stattfinden, die meisten sind ja keine Hochleistungssportler. Sie können gut mit einem Ruhetag auskommen (natürlich nur, wenn die Haltungsbedingungen ihnen zumindest Bewegung im Trab ermöglicht) Und keine Sorge, sie „verlernen“ Dinge auch nicht gleich wieder. Wir wissen heutzutage um die Intelligenz der Tiere und können dementsprechend mit ihnen arbeiten. Intelligentes Lernen und Weiterentwickeln braucht keine konstante Wiederholung. Die Qualität des Zusammenseins ist wesentlich entscheidender für die vertrauensvolle Bindung und das Weiterlernen als die Quantität.
In diesem Text möchte ich euch ein paar Beispiele aufführen, wie Pferde auf Pausen, auch längere Pausen, reagieren.
Im Eleganten Elefanten zu mehr Gelassenheit
Mourad war ein sieben Jahre alter Vollblutaraberzuchthengst und nicht geritten. Sein Vorbesitzer zeigte ihn immer an der Hand und heizte ihn vorher bei ein paar Stuten auf. So zeigte er sich dann auch im Allgemeinen hektisch, tänzelnd und unkonzentriert. Seine neuen Besitzer waren Freunde von mir und bei ihnen organisierte ich 1992 den zweiten Tellington TTouch Kurs für Pferde. Wir wollten natürlich auch Mourad lehren, sich gut führen zu las- sen. Um mit ihm auf den Reitplatz zu kommen, mussten wir durch den Stutenstall. Die Stallgasse lief zwei Mal ums Eck, ein Zick- zack sozusagen, und die Boxen der Stuten waren nur halbhoch. Das heißt, die Damen streckten gerne die Köpfe zu dem Hengst hin, während er durchgeführt wurde. Da Mourad nicht so leicht zu kontrollieren war, hieß das für uns: Ab durch die Mitte, und zwar so flott wie möglich, also im Trab.
Wir arbeiteten mit Peggy Schmah und Mourad auf dem Reitplatz. Er sollte den Eleganten Elefant lernen. Es war unglaublich herausfordernd für ihn, da es völlig neu für ihn war, sich zu konzentrieren, wenn er geführt wurde. Seine „Gewohnheit“ war eine völlig andere. Dennoch erkannte Peggy sehr schnell, dass er ein kluges Pferd ist. Nach 20 Minuten war seine Aufnahmefähigkeit zu Ende. So wirklich gut klappte die Führtechnik noch nicht, aber er sollte eine Pause haben. Der Stutenstall war leer, als er zurück ging, so konnten wir im Schritt bleiben. Gegen Ende des Kurstages nahmen wir Mourad wieder raus und ... er ging achtsam und konzentriert mit uns zwischen den Stuten durch. Wir konnten ihn mühelos mit den Zeichen des Elefanten anhalten und anführen, die Stuten interessierten ihn nicht. Er hatte verarbeitet und gelernt und freute sich an der neuen Aufgabe.
Ich ritt Mourad in den nächsten drei Wochen an. Er war als Zuchthengst in Weidehaltung ein körperlich sehr fittes Pferd und lernte blitzschnell. Normalerweise nehme ich mir 3 Monate Zeit zum Anreiten. Da er mit 7 Jahren ja ausgewachsen war und gut bemuskelt, spielte ich mit und ging schneller voran. So wie es dem hochintelligenten Pferd Spaß machte. Er zeigte seine Intelligenz und Lernbereitschaft mit der Tellington Methode und ging nach drei Wochen erstmals mit mir ins Gelände. Zum dritten Ausritt ritt ihn sein Besitzer und ich begleitete sie mit einem der anderen Zuchthengste. Alles war super. Er konnte seine Aufgabe.
Fast ein Jahr später kam ich erst wieder zu meinen Freunden nach Bayern. Niemand hatte in der Zwischenzeit Zeit gehabt, den Hengst zu reiten oder zu arbeiten. Dennoch konnte ich ihn satteln und ausreiten, als wäre ich gerade gestern da gewesen. Er hatte nichts verlernt.
 
Überraschendes Springtalent
In Spanien aufgewachsen und in Deutschland auf flachen Koppeln lebend, allein auf der Weide doch zumindest mit anderen Pferden nebenan, aber ohne Kontakt, war der 14-jährige Andalusier- Hengst nicht sehr sicher in der Huf-Auge-Koordination. Seine Besitzerin war schon besorgt, wenn er einen leichten, kurzen Hang hinunter galoppierte auf der Koppel. Er war nie mit Stangen am Boden oder unwegsamem Gelände konfrontiert worden und so war schon das Labyrinth für ihn eine Herausforderung.
Er war an der Hand ein ängstliches, gestresstes Pferd, jedoch superbrav unterm Sattel. Normalerweise ritt ihn nur seine Besitzerin, die ihn liebte und ihm all seine Ängste verzeihen konnte.
Als sie 14 Tage in Urlaub fuhr, vertraute sie mir ihren Hengst an, um ihm weiter die liebevolle Zuwendung zu geben, auch wenn sie nicht da war. Ich sagte gern zu. Der Hengst hatte einen tiefen Rücken und war recht schief. Er lief brav alle Dressurlektionen, doch arbeitete ich daran, ihn über den Rücken zu reiten und geradezurichten. Connected Riding war in diesem Zusammenhang ein Geschenk.
Da ich ihn nicht am Boden arbeiten konnte, überlegte ich mir nach einer Weile, was ich noch anderes tun könnte, um den Rücken zu fördern. Ich wollte nicht fünf Mal die Woche das Gleiche tun, das war zu langweilig, für uns Beide. Also baute ich zwei Cavaletti auf, um In-Out zu springen. Mir war klar, das ist eine Herausforderung. Als ich ihn hin ritt, ließ ich ihm die Freiheit zu entscheiden, ob er es angehen wollte oder nicht. Er wollte. Er war ein tolles Pferd und wollte sich der Aufgabe stellen. Und irgendwie kamen wir tatsächlich auf die andere Seite. Als Springen wollte ich das jedoch nicht bezeichnen, denn der Hengst hatte alle Mühe, seine vier Füße auf die andere Seite zu bringen. Ich lobte ihn für seine Tapferkeit und ritt noch zwei Mal an. Es waren eckige, unbalancierte Bewegungen. Am nächsten Tag, der letzte unserer gemeinsamen Wochen, tat ich es wieder. Es war kaum besser. Ich musste ihn nie hin reiten, er war immer mutig und leistungswillig, doch es war unglaublich, was er alles mit seinem Körper anstellte, um die beiden gerade mal 40 cm hohen Stangen zu überwinden. Ich war begeistert von seinem Charakter und freute mich schon, seiner Reiterin davon zu erzählen. Die kam am nächsten Tag, doch war sie die ersten 14 Tage zu beschäftigt, um irgendwas mit ihm zu tun. So trafen wir erst nach zwei Wochen zusammen und in dieser Zeit war der Hengst nur auf der Koppel und im Stall gewesen. Ungeritten, ungearbeitet. Sie wollte nicht glauben, was ich ihr erzählte und bat mich, es ihr vorzureiten. Wir bauten auf, ich ritt ihn warm. Dann ritt ich an und er sprang souverän und sauber, geschickt und rhythmisch, als hätte er in seinem Leben nichts anders gemacht. Ich war verblüfft. Bei allem Vertrauen in das Lernen in Pausen, übertraf er meine Erwartungen bei weitem. Die seiner Besitzerin auch. :-)
Lernsprünge in der Pause
Als ich noch vor dem Jahr 2000 auf dem Gestüt arbeitete, wurden meine Berittpferde im Allgemeinen nur von mir gearbeitet. Wenn ich dann ein Mal im Monat fünf Tage frei hatte, hatten sie auch frei. Es war fast immer so, dass ich am letzten Tag etwas Neues anfing. Ich zeigte ihnen die ersten Schritte eines Seitengangs, probierte den ersten Galopp oder ähnliches. Es waren erste Versuche, die Balance wollte gefunden werden, sie mussten herausfinden, was ich meinte. Und es war immer so, dass ich nach den fünf Tagen zurückkam, und sie konnten, was wir begonnen hatten.
Das prägte mich damals so stark, dass ich heute, wenn ein Berittpferd nach einer Pause von zwei Tagen oder mehr, das Erarbeitete nicht mehr kann oder schlechter wird, sehr achtsam werde und körperliche/gesundheitliche Probleme in Betracht ziehe. Nach meinen bisherigen Erfahrungen war das der einzige Grund, wenn ich keine klare Lernentwicklung in der Pause, sondern ein Stagnieren oder gar einen Rückschritt erfahren hab.
 
Ein ruhiges Maul
Die 5-jährige Merens-Stute war mit harter Hand geführt, als meine Schülerin sie kaufte. Durch das Tellington Training am Boden war sie schon vom gefährlichen Panzer zum feinfühligen Partner geworden. Nach unserem letzten Kurs hatte man begonnen, sie zu reiten. Im Prinzip war sie auch dabei freundlich und brav, wenn auch noch unsicher. Ein vermutlich noch altes Problem zeigte sich bei der Trense. Sie kaute konstant auf dem Gebiss bzw. klapperte mit den Zähnen, auch wenn der Reiter noch am Boden war und sie nicht am Zügel geführt wurde.
Wir legten ihr das Rollerbit an, um ihr ein besseres Gefühl für Maul und Zunge zu geben und zogen die Denkmütze (Kopfbandage) an. Sie spielte noch ein wenig mit dem Gebiss, dann stand sie da und dachte und spürte in sich hinein. Dieser Prozess, den man an kleinen Bewegungen im Genick, Kopf, Maul und auch im Körper verfolgen konnte, dauerte circa 10 bis 15 Minuten. Wir ließen ihr die Zeit. Dann zeigte sie an, dass sie die Bandage gern ausgezogen haben möchte. Wir folgten ihrem Wunsch. Ich bat die Besitzerin noch mal, mit ihr durch das Labyrinth zu gehen. Doch die junge Stute zeigte schon beim Anführen, dass sie innerlich so beschäftigt war, dass sie keinen zusätzlichen Anforderungen gewachsen war. Wir brachten sie zurück und gaben ihr eine Pause. Nachmittags wurde geritten. Die Stute klapperte nicht mehr mit dem Trensengebiss und hat es auch seither nicht mehr getan.
 
Pausen nach Maß
Pausen können unterschiedlich lange gebraucht werden. Manchmal reichen ein paar Minuten, manchmal sind es ein paar Tage. Wenn die Pferde eine Übung nicht gern wiederholen, gehe ich davon aus, dass sie eine Pause brauchen, gerade genug Information zu diesem Thema haben und ich mache etwas anderes oder lasse sie ausruhen. Ich habe damit beste Erfahrungen gemacht. Oft denkt man, das Pferd „mag“ die Übung nicht, wenn man am nächsten Tag noch mal das Genick oder die Rippen löst. Meist ist es jedoch so, dass sie einfach noch in der Verarbei- tungsphase sind. Manchmal bezieht sich das lediglich auf genau den Bereich und man kann anderes tun, Ausreiten z.B., und manchmal brauchen sie insgesamt noch Pausenzeit.
Für mich ist immer dann Zeit für eine Pause, wenn das Pferd nicht mehr so gut auf meine Anfragen reagiert wie zuvor. Und wenn ich mir nicht sicher bin, ob für heute aufhören oder eine Weile ausruhen angesagt ist, probiere ich es aus. Ich biete dem Pferd etwas anderes an, reagiert es auch hier nicht so motiviert, gebe ich ihm eine Pause. Idealerweise lasse ich es dazu frei in der Bahn. Kommt es zu mir zurück, mache ich weiter, kommt es nicht, gebe ich ihm für heute frei. Weniger ist mehr! Das habe ich immer wieder gelernt.
Unser Gehirn ist wie ein Computer. Gebe ich dem Pferd weiter Input, auch wenn sein „Speicher voll ist“, kann es sein, dass ich am nächsten Tag einen „Re-Start“ brauche und ein paar Dateien neu erstellen muss. Lasse ich ihm Zeit, die Information zu verarbeiten, sind sie sicher und verfügbar und auch später wieder gut abrufbar.
Abgesehen vom Lernerfolg, ist das auch meine Basis für Vertrauen. Denn das Pferd merkt: es wird verstanden, gesehen, akzeptiert. Und das ist eine Basis für Vertrauen. Genießt die Zeit mit eurem Pferd. Man „muss“ nie sein Pferd arbeiten, man „darf“ eine gute Zeit haben mit ihm. Meine Erfahrung: achtsam und mitdenkend angeleitet, wirkt lange nach. ■
Der Satz „Da muss ich erst mal drüber schlafen“, stimmt auch für Pferde :-)