Ein Erfahrungsbericht von Idzumi Neumärker TTOUCH® für Anfänger

Was tun, wenn die Tochter pferdebegeistert und das Reiten für einen selbst schon seit Kindertagen ein heimlicher Traum ist? Man suche einen Stall, schaue dem Kind beim Reiten im Kreis zu – und schwinge sich dann irgendwann einmal selber auf den Pferderücken. Unter Aufsicht, versteht sich. Hauptsächlich im Urlaub, wobei von „Schwingen“ nicht die Rede war, ich zog mich mit wackligen Knien schwerfällig in den Sattel und fühlte mich auf Gedeih und Verderb den meist geduldigen Rössern ausgeliefert – Panik im Wechsel mit Euphorie. Vor genau einem Jahr dann beschloss ich, regelmäßig Stunden zu nehmen, englischer Sattel, ächzende Schulpferde, man kennt das. Im April dann das Angebot, ein Schulpferd als Pflegepferd zu bekommen, Reiten mit und ohne Aufsicht, Koppeln, Longieren, Pflege. Jay ein 14jähriger Warmblutwallach, mit 170 cm „riesig“, freundliches Wesen, aber ließ sich nicht trensen, stand weder beim Satteln noch beim Aufsteigen still, stieg auch schon ‘mal in der Box und drückte mich an die Wand – meine Tochter erst 11, mir war nicht wirklich wohl bei der Sache. „Er braucht ab und zu einen Klaps auf den Hals und muss wissen, wo es lang geht.“ Der „Klaps“ klang mir wie ein heftiger Schlag, auch mal von Gebrüll begleitet, die anderen Schulpferde waren häufig kopfscheu oder hatten Sattel- und Gurtzwang.

Im Hauptberuf arbeite ich als Beraterin und Coach, von mir lernen Manager, mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern respektvoll und wertschätzend umzugehen, ihre Ängste zu achten und Veränderung mit den vorhandenen Ressourcen zu bewirken. Die eigene, positive und motivierende innere Haltung spielt dabei eine große Rolle. Ich hatte gerade ein zweijähriges MBA-Studium zu diesem Thema absolviert und sah nicht ein, dass das, was mir bei Menschen richtig erschien, bei Pferden falsch sein sollte. Als studierte Biologin war ich auch skeptisch gegenüber Dominanz-Unterwerfungs-Modellen. Modelle sind immer vom Menschen gemacht und spiegeln hauptsächlich diesen wider. Ich las einiges, suchte am Internet – Pferdeflüstern, Horsemanship, Tellington. Es gibt keine Zufälle – der nächste freie Kurs, der in meinen Terminkalender passte, war ein „TTouch Basic“-Wochenende bei Anke Recktenwald. Ein Kurs der Arbeitsgemeinschaft Reiten und Therapie im Rahmen einer mehrjährigen Ausbildung – und ich also als Pferdeneuling zwischen lauter Erfahrenen. Hatte mich auf die stalltypische Hackordnung („Ohne Abzeichen bis du nichts, erst L, dann M, am Besten S“) eingestellt – und fand dann nicht nur freundliche Aufnahme, sondern Ermutigung. „Toll, dass du dir schon so früh solche Mühe machst!“ Meine persönliche Einstellung dazu: gerade als Anfänger sollte ich mit Sorgfalt beginnen und nicht mit Brutalität. Als Mutter bin ich überzeugt davon, dass Erziehung nicht mit Gewalt funktioniert, dass das Aufzeigen von Grenzen und Konsequenz im Handeln keiner harten Hand bedürfen.

Ein lehrreiches Wochenende bei Anke – und in der Praxis dann im heimischen Stall besseren Kontakt zu Jay. Ohren- und Schweifarbeit täglich, bis er sich entspannte, mancher spöttischen Bemerkung zum Trotz: „Na, macht Ihr wieder Schweifpendeln?“. Oktopus, damit Jay besser stehen blieb. Abstreichen – mit vielen Fragen von Kindern an meine Tochter: „Was macht deine Mama da? Sie kann aber doch gar nicht reiten!“. Ihr wars nicht peinlich, wuchs doch auch ihr Vertrauen zum geliebten Jay. Nur das Trensen ging noch nicht, und als ich dann den zweiten Kurs, Centered Riding, bei Anke absolvierte, merkte ich, warum: rechte und linke Hand arbeiteten nicht zusammen, ich fand mit dem Gebissstück die Lücke zwischen den Zähnen nicht, sondern fuhrwerkte unkontrolliert am Maul herum – hektisch natürlich, denn das führte immer zum Kopfschlagen. Anke ließ mich wieder und wieder an ihrer Hand, dem simulierten Pferdemaul, üben. Das war gar nicht Thema des Wochenendes – aber dank dieser Einheit ist es mir seitdem bei jedem Pferd gelungen, es aufzutrensen. Ich habe Gelassenheit entwickelt im Umgang mit Pferden, gelernt, auf ihre Sprache zu hören, leider aber auch, ihre Schmerzen zu erkennen – und wie wenig Beachtung diese immer noch finden. Jay wurde Im Herbst eingeschläfert, sein verschleppter Husten („Der hat nix, der spielt das!“), zwei dislozierte Wirbel und mehrere Gelenkentzündungen machten ihn für die Besitzer wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Die Entscheidung fiel, noch bevor wir uns verabschieden konnten...

Wir gaben nicht auf. Gerade waren wir eine Woche lang im Reiturlaub. Auf einer Anlage, herrlich gelegen und eingerichtet, Gestüt, Reitschule und Pferde mit höchsten Auszeichnungen dekoriert, gab’s einen Dressurkurs, ich wollte dringend besser sitzen lernen und auch sehen, was „richtige“ Profis so machen. Die Lehrerin schlug die Hände über dem Kopf zusammen über unsere bisherige Ausbildung, meine Tochter machte enorme Fortschritte, ich hatte Ankes Stimme im Ohr „Schneemann bauen... Balancepunkte finden... fließender Atem... weiche Augen...“. Leichttraben ohne Hände an der Longe, kein Problem. Aussitzen hieß nach wie vor, 75 kg ungebremst in den Pferderücken zu knallen, mich krampfhaft mit den Beinen festklemmen, erst nach und nach wurde ich locker. Dee, die wunderbare Stute, die mir in dieser Woche zur Verfügung gestellt wurde, verzieh mir viel und ackerte mit hörbarem Ächzen „unter“ mir (nach der Woche hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, „in“ und „mit“ ihr zu sein und vier Beine zu spüren statt meiner zwei).

Und hier kommt die nächste TT-Erfolgsgeschichte: Dee hatte Sattel- und Gurtzwang, stampfte und schnappte, sobald das Pad ihrem Rücken auch nur nahe kam. Sie war wohl kurz zuvor osteopathisch überprüft worden, der Sattel passte, Diagnose „psychisch“. Zum Glück hatte ich die TT "Bibel" („Tellington Training für Pferde“) dabei, fing an mit Ohrenarbeit, Liegender- und Wolkenleopard-TTouches am Kopf und Hals (Muschel mochte sie gar nicht), dann beim Absatteln den Zickzack, später Lecken der Kuhzunge. Den Rückenheber habe ich mich nicht getraut anzuwenden, verfuhr getreu der Regel „lasse dich von deiner Intuition leiten!“ . Ich fing eine ganze Stunde vor dem Reiten an, sie vorzubereiten und TTouches zu machen.
 Am Montag war sie wie gesagt bissig, Dienstag gab’s Tellington und wurde besser, Mittwoch war sie in der Putzbox am Stampfen, da drosch ihr eine Reitlehrerin den Mistgabelstiel gegen die Schulter. Kommentar: "Bei mir traut sie sich das nicht, du bist zu nett!" Am Donnerstag habe ich es dann wieder mit TTouches und mit Kopf senken und einem Leckerli probiert. Nach dem Reiten Schweif und Oktopus, dann am Freitag - kein Schnappen mehr! Satteln war ihr sichtlich nicht angenehm, aber ich merkte, sie vertraut mir und löst sich unter den TTouches. Übrigens ging es überhaupt nicht, ihr die Schultern zu lockern, das hat aber leider niemanden interessiert. Am Samstag ging das Satteln wieder problemlos, dann hat sie mir nach dem Reiten die Nase an die Hüfte gelegt und ist mit geschlossenen Augen stehen geblieben (ich hatte sie zum ersten Mal an der Longe galoppieren müssen und schon überlegt, das Reiten zu lassen, da mir das Pferd so leid tat). Nachmittags musste ich mich verabschieden, und sie, die immer nur seitlich zur Boxentür stand, kam mir entgegen und legte mir den Hals auf die Schulter. Mein Mann, kein Pferdefan und sehr pragmatisch, sprach davon, zwischen dem Pferd und mir gäbe es eine sichtbare „Aura“.

Wie geht es weiter? Mit noch mehr TT-Kursen natürlich! Gerade als Reitanfängerin mute ich den Pferden eine Menge zu, da ist es meine Pflicht, etwas wieder gut zu machen an meinen vierbeinigen Lehrern. Als Mutter bin ich Vorbild, ich wünsche mir, dass noch viele der zahlreichen Mädchen, die so viel Lebenszeit in den Ställen verbringen, Achtung vor dem Anderen, Respekt vor allen Lebewesen und Gelassenheit im Umgang lernen. Ich selbst gewinne Verständnis und Vertrauen – und Selbstbewusstsein, denn auch wer nicht gut reiten kann, kann ein Pferdemensch werden.

Anke Recktenwald und den anderen Kursteilnehmern ganz herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme und Geduld mit einem völligen Pferdeneuling – für’s Mut machen und viele viele Tipps!

Anmerkung von mir: Wunderbar zu lesen, dass meine Schüler auch mit fremden Schulpferden TTouch anwenden und erfolgreich sind. Eine bessere Werbung kann für unsere Arbeit kaum gemacht werden. Danke für den Bericht und die Einwilligung zur Veröffentlichung.