Besser Aussitzen - Feldenkrais und Reiten

Eine 4er Gruppe von Reitschülern hat den Wunsch besser auszusitzen

In der ersten Stunde beschäftigen wir uns mit der Balance des Sitzes. Die Reiterinnen lernen ihre Augen nicht an einem Punkt zu fixieren, sondern frei um sich schauen zu können. Das ist ein erster Schritt zur freien Aufrichtung. Die Atemwippe wird direkt auf dem Pferd entwickelt. Damit die Reiterinnen die Hände zur Unterstützung auf Bauch und Brustbein legen können, und auch mit der Konzentration ganz bei sich selbst bleiben, werden sie von anderen Kursteilnehmern geführt.  Durch Vor- und Zurückwiegen finden sie eine neue und natürlichere neutrale Position.

In der nächsten Lektion, auf einem Hocker, experimentieren wir mit der Lektion “Beckenuhr”. Hierbei  werden die Reiterinnen sich der Bewegungsmöglichkeiten ihrer Wirbelsäule bewusst und die Hüftgelenke beginnen sich freier zu bewegen. Das Durchlassen der schwingenden Bewegung des Pferderückens wird so leichter. Nun versuchen die Reiterinnen mit ihren Sitzbeinen den Bewegung des Pferdes zu folgen. Wenn der Reiter sehr fein folgt, schwingt der Rücken des Pferdes  mehr und der Reiter sitzt tiefer im Pferd. Mit kleinsten Veränderungen können die Teilnehmerinnen die Schrittlänge ihrer Pferde verändern. Im Trab fällt den Reiterinnen dieses freie Folgen noch schwer. Ihre Körper erinnern sich an unbequeme Trabtritte und die Muskeln halten fest. Sie verkrampfen bei dem Versuch am Sattel kleben zu bleiben. Die Atmung stockt wieder und die Pferde lassen erkennen, dass sie den Rücken nicht aufwölben.

Im Stehen erforschen die Reiter die Bewegung des Schultergürtels über den Rippen und suchen dann die Möglichkeit ihren Brustkorb unter dem Schultergürtel zu drehen. Im Schritt erinnern sie sich an das Bild ihr Brustbein ein bis 2 Sekunden nach rechts und links zu drehen. Die Pferde werden sofort weicher, lassen den Kopf fallen und runden den Rücken. Die Reiter kommen sofort weicher zum Sitzen. Für die andern Kursteilnehmer, die zur Zeit am Boden stehen ist die Veränderung sofort sichtbar. Keiner sieht die Bewegung der Rotation im Reiter, sie ist zu klein, doch alle sehen an den Bewegungen der Pferde und an der Sitzqualität der Reiter sofort, wer rotiert, und wer nicht. Die Reiterinnen sind so beschäftigt mit der neuen Idee des Rotierens im Brustkorb, dass sie zuerst kaum einen Unterschied merken.

Darum bitte ich sie nach einer Weile, das Rotieren wieder zu lassen und so weiter zu reiten. Sofort spüren alle die Wirkung, es wird unbequem auf dem Pferd, die Bewegungen kommen ins Stocken.

Alle beginnen nach wenigen Tritten wieder zu rotieren und Pferde und Reiter atmen auf und genießen das Zusammenspiel ihrer Bewegungen.

Schmerzfrei traben

Christine reitet schon ihr Leben lang Dressur. Wenn sie lange Phasen im Trab arbeitet und sich dabei mit dem präzisen Reiten von Tempowechsel beschäftigt, bekommt sie Schmerzen im oberen Rücken. Ihre Schultern werden steif, was auch Auswirkungen auf ihre Zügelführung hat.

Zuerst bitte ich Christine mit dem, am Anfang angeführten, Experiment der Feldenkraisarbeit zu spielen. Ich richte ihre Aufmerksamkeit dabei auf ihre Schulterblätter. Doch sie kann diese nicht wahrnehmen. Erst als ich eine Hand zwischen ihre Schulterblätter lege, wird sie sich der Bewegung der Schulterblätter über den Rippen und im Abstand zur Wirbelsäule bewusst. Nach diesem Experiment kann sie freier Reiten.

Bei einer weiteren Stunde tauchen die Probleme wieder auf. Diesmal beobachten wir die Rippen ihres Brustkorbs. Christine beschäftigt sich mit Drehen und Neigen um zu fühlen wie sie ihren Brustkorb bewegen kann. In ihrem Selbstbild ist sie dort unbeweglich. Nun findet sie heraus, wie sie einige ihrer Rippen sogar einzeln spüren kann. (Körperteile, die sich bewegen, lassen sich leichter erspüren.) Und indem ihre Rippen in Bewegung kommen, erweitert sich nun ihr Körperbild.

Lange Zeit reitet sie ohne Probleme. Christine hat gelernt besser auf sich zu achten, und reitet nicht über die Schmerzen hinweg. Sie holt sich direkt Hilfe. Diesmal experimentieren wir mit der Bewegung ihrer Brustwirbel nach vorne und hinten. Mit Hilfe einer ATM auf dem Pferd und der Unterstützung meiner Finger findet sie einen Weg jeden einzelnen Wirbel ihrer Brustwirbelsäule einzeln ganz wenig vor und zurück zu bewegen. Sie findet heraus wie unterschiedlich sie ihren Körper einsetzen kann um die unteren oder oberen Wirbel ihrer Brustwirbel zu erreichen. Dabei erkennt sie wie flexibel ihr Brustkorb ist.

Mit dem Bild einer schwingenden Wirbelsäule und eines beweglichen Brustkorbs hat sie nun keine Schwierigkeiten mehr aufrecht und frei zu sitzen.

Freie Hüftgelenke

Meine Schülerin ist über 60 Jahre. Sie reitet fast ihr ganzes Leben lang. Sie hat Schwierigkeiten ihr neues Pferd vorwärts zu reiten. Es kostet sie viel Kraft. Traben kann sie nur kurze Strecken in der Bahn, dann erlahmt ihre Kraft. Auch Leichttraben ist anstrengend.

Ihre Füße sind vor ihrem Becken, dadurch fällt es ihr schwer aufzustehen. Im Entlastungssitz ist es etwas leichter, doch da fühlt sie sich unsicher.

Wir üben zuerst auf einem Stuhl. Sie probiert verschiedenen Positionen ihrer Füße im Verhältnis zum Becken aus, und stellt fest, dass sie leicht aufstehen kann, wenn ihre Füße unter ihrem Becken stehen. Dann machen wir noch ein paar Lockerungsübungen für die Hüftgelenke und sie reitet wieder.

Es ist gut zu sehen, dass sie eine Idee hat ihre Füße unter ihr Becken zu bringen, doch es gelingt ihr nicht. Ihre Absätze ziehen sich nach oben und sie verkrampft noch mehr.

Ich gehe zu ihr und suche nach Beweglichkeit in ihren Beinen. Ein Hüftgelenk ist beweglicher als das andere. Das ist häufig der Fall, doch nun erzählt mir meine Schülerin, dass ihre Hüfte ein Problem ist und schon lange nicht mehr frei ist. Es ist ein starkes Bild in ihr, solange hat sie schon dieses Problem. Sie reitet wieder los, und ihr Bein ist geerdeter, doch nach der Stunde hat sie für kurze Zeit Schmerzen in der Hüfte.

Einige Wochen später ist unsere nächste Stunde. Sie experimentiert mit der Beweglichkeit ihrer Schultern und ihres Brustkorbs auf ihrem Pferd. Die Lektion erfordert ein Abstützen auf der Kruppe des Pferdes und so bewegt sie nicht nur ihre Schultern, sondern auch ihren Rumpf in Relation zu den Hüftgelenken. Ihre Aufmerksamkeit ist  ganz in ihrem oberen Körper.

Zwischen jeder Sequenz reitet sie etwas Schritt und erfühlt die Veränderungen der Lektion.

Schließlich bitte ich sie zu traben. Ganz selbstverständlich hat sie ihre Füße unterm Becken und trabt leicht und geschmeidig ihre Runden. Die Stute geht flüssig vorwärts und es ist gut zu sehen wie mühelos es für beide ist. Meine Schülerin hat diesmal keine Gerte dabei, da sie ihre Hände für die Lektion brauchte, aber sie vermisst auch keine. Sie trat und trabt, mehrere Runden ohne außer Atem zu kommen. Ihr Körper spielt zusammen und erlaubt ihr leichtes, schönes Reiten.

Rücken frei

Yashika kam zur Einzelstunde mit ihrem Warmblutwallach Chapeau. Als ich sie nach den Wünschen für ihre Reitstunde fragte, sagte sie mir dass sie im Moment Schmerzen in der Brustwirbelsäule hat. Nicht nur beim Reiten, auch sonst, und es gelinge ihr nicht locker auf ihrem Pferd zu sitzen. Chapeau ist ein liebes und höfliches Pferd und gut zu sitzen. Schon als ich mir Yashika ansah konnte ich erkennen, dass sie einen Teil ihres Brustkorbes festhält. Der Körper schütze sich vor den Schmerzen.

Ich bat sie sich auf die Aufsteigehilfe zu setzten, mit dem Rücken an die Tür angelehnt, und zu fühlen wo ihr Rücken Kontakt hatte, und wo nicht. Dann sagte ich ihr, sie solle sich vorstellen ihr Kopf sei der Anfang einer langen Perlenschnur, und jeder Wirbel eine Perle. Nun solle sie ihren Kopf nach vorne hängen lassen und beobachten wie jede einzelne der Perlen rollt.

Yashi ist sehr beweglich und war schnell mit ihrem Kopf zwischen den Beinen. Ich bat sie es noch mal und langsamer zu machen, genau hinzuhören, wo ihr Körper die nächste Bewegung machen möchte.

Diesmal sank sie noch weiter runter. Wir experimentierten mit der Position ihrer Knie und Füße, die Hände inne oder außerhalb der Knie zu halten oder sie auf dem Boden rutschen zu lassen. Yashi atmete tief in dieser Position.

Ich bat sie dort zu bleiben, bis ein Impuls ihr sagte sie solle sich aufrichten. Sie lachte und meinte, sie könne eine ganze Stunde lang so bleiben, doch nach knapp einer Minute kam sie hoch. Noch nahm sie ihre Kraft hierfür von ihrem Oberkörper, doch fühlte sie sich im aufrechten Sitzen gleich freier.

Ich bat sie es wieder zu tun, und noch genauer hin zu horchen, auch beim zurückkommen. Diesmal blieb sie weniger lang unten, der Impuls kam früher, sie richtete sich mehr vom Becken aus auf, und machte ein erstauntes Gesicht. Es ging ihr besser.

Ich bat sie zu tun, was ihr beliebt, zu hören wozu ihr Körper sie einlädt, und nach kurzem in sich hinein horchen, stand sie auf und ging herum. Man konnte ihrem Gesicht ansehen, wie verblüfft sie war. Ich bat sie es noch mal im Stehen zu machen. Hier ist die Ausgangssituation eine andere, da die Hüft- und Kniegelenke nicht gebeugt sind. Es war wunderbar zu sehen wie sie experimentierte und entdeckte wann sie ihre Hüft- Knie und Fußgelenke mitbenutzen wollte.

Dann stieg sie auf und ritt. Sie benutze wieder ihren ganzen Körper, die Bewegung lief durch und Yashi war froh wieder schmerzfrei reiten zu können, gleich in welcher Gangart.

Drin statt drauf

Sabine kommt zur ersten Reitstunde, sie hat keine speziellen Wünsche, möchte einfach alles. Gerne auch Basissachen, sagte sie. Ich bitte sie ein wenig zu reiten, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Sabine sitzt auf den ersten Blick sehr korrekt. Ihre Füße sind unter ihrem Becken, die Ellbogen korrekt gewinkelt und ihr Rücken aufrecht. Doch sie macht den Eindruck als sei eine Platte zwischen ihr und ihrem Pferd. Sie sitzt nicht tief im Sattel und die Bewegungen ihres Pferdes laufen nicht durch ihren Körper. Sie sitzt korrekt, aber statisch. Mir fällt auf, dass sie flach atmete. Sabine bemüht sich in ihrer korrekten Position zu bleiben, dadurch engt sie sich ein.

Ich bitte sie zu mir und lasse sie spüren, wo sie Bewegung durch Atmen spüren kann. Nur um den Solarplexus herum fühlt sie Atmung. Ich bitte sie nun nach und nach in verschiedene Bereiche ihres Körpers Atmung zu schicken. Wir folgen dem einfachsten Weg, beginnen also dort, wo Atmung schon fließt und suchen dann nach und nach auch den unteren Bauch, den oberen Rücken, die Rückseite ihres Körpers, die Seiten und schließlich auch den Beckenboden und sein Gegenüber. Nach jedem neuen Atemspiel lasse ich sie ein wenig Schritt reiten um dem Nervensystem Zeit zur Verarbeitung zu geben, aber auch um die neuen Informationen in die Bewegung zu integrieren. Schließlich kann Sabine atmen wie sie mag, in alle sechs Richtungen ihres Körpers, nach oben und unten, vorn und hinten, rechts und links.

Ihr Reiten hat sich deutlich verändert. Sie sitzt noch immer korrekt, doch nun erkennt man deutlich wie alles sich bewegt, wie ihr Körper an den Bewegungen des Pferdes teil nimmt, ganz sanft, verteilt durch den ganzen Körper. Und sie sitzt tief im Sattel, verbunden mit ihrem Pferd. Ich frage sie ob etwas anders ist, und sie sagt: So ist es viel bequemer. Auch ihr Pferd bewegt sich freier, atmet tief und wird gelassener

Schulterfreiheit

Andrea hat sich bei einem Unfall die Schulter ausgerenkt. Sie ist seit ein paar Wochen in Krankengymnastik und hat kaum noch Schmerzen. Offiziell ist sie wieder einsatzbereit. Allerdings ist gut zu sehen, dass sie Sorgen hat ihre Schulter wieder frei zu bewegen. Sie hält sie unbewusst fest, um das Risiko neuer Schmerzen nicht einzugehen.

Dies wirkt sich auf ihre Zügelführung aus. Ihr ganzer Oberkörper ist durch die festgehaltene Schulter steifer, ihr Pferd wehrt sich gegen die Hand. Andrea möchte, dass ihr Pferd feiner an den Hilfen steht und durchlässiger ist. Am Morgen des 2. Kurstages unterrichte ich die  Lektion der rollenden Fäuste vor der Reitstunde. Im Alltag bewegt Andrea normalerweise die Schulter um den Brustkorb herum. Diese Bewegungsintention ist angstbesetzt. In der Feldenkraislektion wird nun der Körper in der Schulter bewegt. Das Angstmuster wird nicht ausgelöst. Das Nervensystem erkennt, dass die unabhängige Bewegung von Schulter und Brustkorb möglich ist. Auf dem Pferd ist das neu gewonnene Vertrauen in die körperlichen Möglichkeiten sofort zu sehen. Andrea bewegt sich angemessen, ihr Oberkörper ist frei und die Schulter schwingt. Ihre Stute nimmt die sanfte Verbindung zum Maul gerne an und biegt sich auch besser, da Andrea nun wieder die Bewegung durch ihren ganzen Körper laufen lässt. Die Bewegungen des Pferdes werden weicher, Losgelassenheit entwickelt sich und Reiter und Pferd arbeiten wieder zusammen.